ProcurementHeroes
Lokal beschaffen, global bestehen: Wie igus seinen Einkauf krisenfest macht
Erhalte mehr Informationen
Inhaltsverzeichnis
Wer ist igus – und warum lohnt sich dieser Blick in den Einkauf?
Wenn Einkaufsleiter von Resilienz sprechen, meinen sie oft Theorie. Bei igus ist es Praxis – und das seit Jahrzehnten.
igus GmbH aus Köln ist ein Hidden Champion der Sonderklasse: Weltmarktführer bei Energieführungssystemen und Gleitlagern aus Hochleistungskunststoffen, mit Niederlassungen in Amerika, Asien und Indien. Ein Unternehmen, das schneller liefert als die meisten Wettbewerber – und das nicht trotz, sondern wegen seiner Einkaufsstrategie.
In Folge 6 des ProcurementHeroes Podcasts gewährt Bettina Fischer gemeinsam mit Nadine Görs (Leiterin strategischer Einkauf) und Thorsten Zens (stellvertretender Einkaufsleiter) einen seltenen Einblick: Wie denkt ein produzierendes Mittelstandsunternehmen Beschaffung wirklich? Was steckt hinter der Entscheidung für lokale Lieferanten? Und wo liegt der Unterschied zwischen echtem KI-Einsatz und Hype?
Lokale Beschaffung als Strategie: Ethik, Effizienz und Preiswettbewerb
igus kauft lokal – und das ist kein Zufall, sondern Überzeugung. Thorsten Zens beschreibt die Wurzeln dieser Entscheidung mit ungewöhnlicher Offenheit: Ein Auslandssemester in China, Besuche in verschiedenen Fertigungen, und die persönliche Schlussfolgerung, dass Sozialstandards und Arbeitssicherheit für ihn nicht verhandelbar sind.
„Ich hatte die Hoffnung, dass ich irgendwann im Einkauf starten kann und dann für mich sagen kann: Das möchte ich nicht."
Doch lokale Beschaffung ist bei igus nicht nur Wertefrage – sie ist auch ökonomisch begründet. In einem internen Benchmark, bei dem repräsentative Artikel in den USA, Asien und Indien angefragt wurden, zeigte sich: igus ist mit seinen lokalen Lieferanten sehr wettbewerbsfähig unterwegs.
Der Grund? Langfristige Lieferantenbeziehungen. igus arbeitet mit Lieferanten zusammen, die seit über 40 Jahren zum Portfolio gehören. Die niedrige Fluktuation – bewusst nur 8 Lieferanten in Thorstens gesamter igus-Zeit verloren – zahlt sich aus: Die Lieferanten kennen das Portfolio, können Teile optimal fertigen und sind dadurch selbst wettbewerbsfähiger.
Hinzu kommt ein handfester operativer Vorteil: Geschwindigkeit. igus-Kunden erwarten schnelle Reaktionszeiten. Ein Kurier, der einen Engpassartikel beim nahe gelegenen Lieferanten abholt – das ist mit globalen Lieferketten schlicht nicht möglich.
Krisenfest durch Nähe: Was Corona, Ukraine und Co. mit igus gemacht haben
Während viele Einkaufsabteilungen in den letzten Jahren massive Lieferengpässe verzeichneten, blieb igus weitgehend verschont – eine Aussage, die im Gespräch bemerkenswert selbstverständlich fällt.
Corona, Ukraine-Krieg, Hormuz-Krise – keine dieser globalen Disruptions-Szenarien hat den igus-Einkauf ernsthaft getroffen. Das Ahrtal-Hochwasser hingegen schon: Weil mehrere regionale Lieferanten direkt betroffen waren. Ein Paradox, das die Logik lokaler Beschaffung auf den Punkt bringt – Nähe bringt Resilienz gegenüber globalen Schocks, aber auch die Notwendigkeit regionaler Risikostreuung.
Für strategisch wichtige Artikel setzt igus auf eine klare Regel: Rahmenaufträge und immer mindestens eine Second Source. Fällt ein Lieferant aus, kann kompensiert werden. Dieses Prinzip gilt als Standard, nicht als Ausnahme.
Digitalisierung im Einkauf: Vom Excel-Sheet zum Self-Service-Reporting
Nadine Görs wurde bei igus ursprünglich für Digitalisierungsprojekte eingestellt. Ihre Bilanz nach sieben Jahren: Ein Einkauf, der sich von reaktiv zu proaktiv entwickelt hat – und ein Reporting-System, das Mitarbeitende wirklich nutzen.
Das Herzstück ist ein Power-BI-Dashboard, das von einer Push-Logik zu einem echten Self-Service gewechselt hat. Früher bekamen Einkäufer Zahlen zugeschickt – ob sie sie brauchten oder nicht. Heute können sie sich gezielt heraussuchen, was für sie relevant ist: Liefertreue, Qualitätsquoten, Preisentwicklung für einzelne Artikel.
„Wir haben den Kollegen dann ermöglicht, sich einen kompletten Self Service aufzubauen – damit sie sich auf das konzentrieren können, was sie interessiert."
Der Effekt geht über Effizienz hinaus. Thorsten beschreibt, wie das Reporting-System ein neues Bewusstsein geschaffen hat: Einkäufer, die bisher einfach Bestellungen ausgelöst haben, realisieren plötzlich, dass sie zehn Millionen Euro Einkaufsvolumen verantworten. Diese Sichtbarkeit verändert die Haltung.
Ergänzt wird das durch eine SharePoint-Seite, auf der alle Einkaufsansprechpartner und – besonders beliebt – alle notwendigen Lieferantendokumente gesammelt sind. Simple Idee, große Wirkung.
Change Management: Wie man auch die letzten Skeptiker überzeugt
Digitalisierung scheitert selten an Technologie – fast immer an Menschen. Nadine Görs hat das bei igus gelernt und eine klare Methodik entwickelt.
- Menschen frühzeitig einbinden – noch bevor das Projekt startet
- Anforderungen aktiv erfragen, nicht nur verkünden
- Regelmäßige Updates während des Projekts
- Frühzeitige Schulungen, individuelle Unterstützung wo nötig
- Feedback ernst nehmen und sichtbar darauf reagieren
Ein konkretes Paradebeispiel: Der Bestellshop, den Nadine nach mehreren gescheiterten Versuchen (fehlende IT-Ressourcen, Priorisierungskonflikte) schließlich erfolgreich implementiert hat. Thorstens Kommentar dazu:
„Beharrlichkeit hilft. Man muss dranbleiben, wenn man davon überzeugt ist, dass das Projekt notwendig ist."
Nadine ergänzt eine strukturelle Erkenntnis für abteilungsübergreifende Projekte: Es braucht immer einen benannten Key User pro Projekt, der Verantwortung trägt – sonst verlieren sich Abstimmungen und Prioritäten.
Nächste Schritte: Schüttcosting, KI und die Frage nach den richtigen Daten
igus verschickt monatlich mehrere Hundert Anfragen an Lieferanten – darunter viele Sonderteile, die nur als Preisindikation für den Vertrieb benötigt werden. Das nächste große Projekt: automatisiertes Schüttcosting. Dabei wird ein 3D-Modell (Step-Datei) hochgeladen und sofort ein Preisvorschlag generiert – ohne manuellen Aufwand für Einkauf und Lieferanten.
Das Projekt illustriert einen Grundsatz, den Thorsten für alle Digitalisierungsprojekte empfiehlt: Mehrere Stakeholder profitieren lassen. Wenn Vertrieb, Konstruktion und Einkauf gleichzeitig entlastet werden, ist die Argumentationsbasis gegenüber der Geschäftsführung ungleich stärker.
Beim Thema KI bleibt Thorsten bewusst nüchtern:
„Ich bin da etwas skeptischer, was diesen KI-Hype angeht. Viele Dinge tragen den Titel KI, sind aber am Ende gar keins."
Seine Kernthese: Zuerst müssen Prozesse schlank sein, dann können sie automatisiert werden. Und jede KI ist nur so gut wie die Daten, auf denen sie basiert. Nadine ergänzt: Viele Unternehmen haben schlicht keine Datenqualität, die einen sinnvollen KI-Einsatz erlaubt – ein Punkt, den Vertriebler im Pitch gerne unterschlagen.
Was macht einen echten Procurement Hero aus?
Die Signature-Abschlussfrage des ProcurementHeroes Podcasts – und zwei Antworten, die unterschiedlicher kaum sein könnten, aber sich perfekt ergänzen.
„Ein Procurement Hero ist jemand, der weit im Voraus plant, eine Idee davon hat, wie die Prozesse aussehen – und diese Prozesse und Tools sinnvoll nutzen und implementieren kann. (Nadine Görs)"
„Ein Procurement Hero denkt den Einkauf so ganzheitlich, dass er nicht nur in seiner Einkäuferbox ist, sondern auch die Anforderungen der anderen Stakeholder im Kopf hat – und trotzdem am Ende das beste Ergebnis für das Unternehmen erzielen möchte. (Thorsten Zens)"
Key Learnings
- Lokale Beschaffung ist kein Nachteil: Preislich kompetitiv, resilient gegenüber globalen Schocks und schnell reaktionsfähig – wenn die Lieferantenbasis gut aufgebaut ist.
- Langfristige Lieferantenpartnerschaften zahlen sich aus: Lieferanten, die das Portfolio kennen, liefern günstiger und zuverlässiger.
- Second Source ist kein Optional-Extra: Für strategische Artikel immer Alternativen vorhalten.
- Reporting schafft Verantwortungsbewusstsein: Wer sieht, wie viel Einkaufsvolumen er verantwortet, handelt anders.
- Change Management ist die eigentliche Digitalisierungsarbeit: Frühzeitig einbinden, Key User benennen, Beharrlichkeit zeigen.
- KI braucht saubere Daten: Ohne Datenqualität kein sinnvoller KI-Einsatz – egal was der Pitch verspricht.
- Projekte gewinnen mit mehreren Stakeholdern: Wenn mehrere Abteilungen profitieren, ist die Entscheidung leichter.
Podcast anhören
Die vollständige Episode mit Nadine Görs und Thorsten Zensx von igus jetzt auf Spotify, Apple Podcasts und YouTube verfügbar.
🎧 Jetzt reinhören: Spotify | Apple Podcasts | YouTube